IWW Köln Lohnspiegel Szene-Kneipen 2013

Was verdienen eigentlich die Bedienungen in Kölner Alternativ- und Punk Rock-Kneipen?

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Logo der vereinigten IWW-Gewerkschaft Lebensmittel und Einzelhandel im Lake Liquors Getränkehandel in Chicago

Berichtigung (18. Sept. 2013): Das EDP in Ehrenfeld zahlt – laut Aussage eines Mitinhabers – seit 2 Jahren 9,50 € Stundenlohn, nicht 7,50€, wie wir zuvor geschrieben hatten.

Die IWW Ortsgruppe Köln hat im Jahr 2013 die Löhne in Punkrock- und Alternativkneipen in Köln untersucht. Dabei ist heraus gekommen, dass die Mehrzahl der Läden ihren Beschäftigten weniger Stundenlohn zahlt, als es selbst streng sozialpartnerschaftlich orientierte Weichspüler wie die SPD und der mit ihr verfilzte DGB fordern (derzeit 8,50 €).

Das Lohnniveau in scheinbar alternativen  Kneipen liegt nicht unterhalb dessen der bürgerlichen Konkurrenz. Hier sind mitunter gar Löhne von 6,50 € anzutreffen. Es liegt aber auch nur in seltenen Fällen darüber.

Eine positive Ausnahme stellt die Südstadt-Kneipe Lotta dar. Sie verwendet u.a. das eingenommene Trinkgeld, um Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Urlaubsgeld zu zahlen. Dass die Lotta ein kollektiv geführter Betrieb ist, muss nicht in Zusammenhang mit ihrem vergleichsweise hohen Lohnniveau und sozialer Absicherung stehen – viele Kollektive in der langen Geschichte der deutschen Linken haben sich als Vorreiter in Selbstausbeutung hervor getan. Bei der Lotta handelt es sich aber offenbar um ein sehr gut organisiertes Kollektiv mit einer fähigen Belegschaft.

Positiv überrascht hat uns auch der Club MTC, der ansonsten wegen seiner Pay-to-Play-Regelungen keinen guten Ruf besonders bei Musiker_innen genießt.  (Zum Download: Der Szene-Kneipen-Lohnspiegel der IWW Köln hier als pdf)

Lohnspiegel Kölner Alternativ-Kneipen 2013

Kneipe Viertel Stundenlohn Besonderheiten
 MTC Kwartier Latäng 12,00 € Der Laden ist bei Bands aufgrund seiner Pay-to-Play-Politik recht unbeliebt, scheint aber seine Thekenkräfte sehr gut zu bezahlen. Es gibt zudem zahlreiche Festangestellte.
 Stereo Wonderland  Kwartier Latäng  10,00 € Der Wert ist mit Vorsicht zu genießen. Die Löhne sind umsatzabhängig und gestaffelt nach Dauer der Betriebszugehörigkeit.
Lotta Südstadt  9,50 € Unser Liebling. Gut geführter Kollektivbetrieb. Trinkgeld fließt in Krankengeld und Urlaubsgeld.
EDP Ehrenfeld 9,50 € Die Zahl ist nach email durch einen Mitinhaber nach oben korrigiert (wir hatten zuvor 7,50 € gelistet. Sorry.)
 Tsunami Club  Südstadt  8,50 €
 Soylent Green  Kwartier Latäng 8,00€
Blue Shell   Kwartier Latäng 8,00€
Underground  Ehrenfeld 8,00 € Hier ist das Trinkgeld entscheidend. Ärgernis: Schlecht bezahlte und schlecht geschulte Security neigt zu Schikanen.
Connection Ehrenfeld  8,00 € Es gibt 40,- € pro Abend + Umsatzbeteiligung.
Sonic Ballroom Ehrenfeld 7,50 € Fr./Sa. Ist die Arbeitszeit von 20:00 – 6:00 Uhr.
„L“ Ehrenfeld  7,50 €
Limes  Mülheim  7,00 €
Qlosterstüffje Ehrenfeld  7,00 € Trinkgeld wandert in eine Soli-Prozesskosten-Kasse der linken Szene.
 Furchtbar Kwartier Latäng unbekannt Eingeschüchterte Bedienung: „Darf ich nicht sagen, frag bei der Chefin nach.“
Low Budget Aachener Str. unbekannt Keine Angaben:  „Sag ich nicht. Aber egal wieviel, es ist auf jeden Fall zu wenig.“
Trash Chic Kalk unbekannt
 Vorstadtprinzessin Kalk  unbekannt Irgendwas auf 450,-€-Basis

 

Vergleichswerte

Kneipe Viertel Stundenlohn Besonderheiten
Schmitz im Ostasiatischen Museum Aachener Weiher 7,50 € Bedienung behält 50% Trinkgeld, Küche erhält 50%.
Luxor Kwartier Latäng 7,00 €
Bauturm Café Aachener Str. 6,50 €
Stadtgarten 50672 6,50 € Die Bedienung im Saal macht mit Trinkgeld ca. 11-13,- EUR. Sie gibt 1% des Trinkgelds an die Küche ab und 10% an die Theke, da dort kein Trinkgeld eingenommen wird. Thekenkräfte erhaltn deshalb auch mehr Stundenlohn (7,50 €).

Warum die Untersuchung?

Wir wollen einen Beitrag zur Transparenz für lohnabhängig Beschäftigte schaffen und vielleicht eine Diskussionsgrundlage für die Belegschaften der Kneipen bzw. deren Publikum liefern.

Warum ausgerechnet „linke“ Kneipen?

Gewerkschaftsarbeit und Klassenkampf beginnen nach unserer Auffassung im Alltag, vor der eigenen Haustüre, da wo wir arbeiten, leben, da wo wir auf Ämtern schikaniert werden und uns durchboxen müssen. Und eben auch da wo wir am Abend gemütlich unser lecker Bierchen trinken. In unseren Stammkneipen.

Wie kommen unsere Zahlen zustande?

Unsere Zahlen stammen aus Befragungen von Angestellten vor Ort. Hierbei war auffällig, dass die direkte Frage nach dem Lohn auch bei Punk-Rock-Kneipen absolut verpönt war. Man musste sich langsam und vorsichtig rantasten.

Per Brief haben wir die Kneipen in einem zweiten Schritt zusätzlich angeschrieben und um Stellungnahme bzw. evtuelle Korrekturen unserer Daten gebeten. Geantwortet haben lediglich die Lotta und der Tsunami Club, sowie das Limes. Der Chef des Limes wies in einem unfreundlichen bis aggressiven Brief darauf hin, das unsere Zahlen nicht stimmen würden, ohne allerdings andere zu nennen. Die Zahl  von 7,- € pro Stunde ist uns aber von zwei Bedienungen unabhängig voneinander genannt worden. Das Schweigen der anderen Kneipen werten wir als passive Zustimmung.

Vor der Veröffentlichung haben wir die Kneipen noch einmal in einem dritten Schritt per Mail kontaktiert, als letzte Chance sich zu den Daten zu äußern. Beim Sonic Ballroom, ist man aber der Meinung – geäußert per email- , dass es uns „einen Dreck angeht“, was deren Personal bezahlt wird.

Wichtiger Hinweis: Unsere Zahlenbasis ist dünn.

Falls unsere Angaben unrichtig sein sollten, oder nicht mehr aktuell, bitten wir dringend darum, uns per email oder Handy umgehend ins Bild zu setzen! Wir werden unsere Daten dann sofort ändern. Vielleicht führen unsere Darstellungen ja auch zu einer Lohnerhöhung.

Negativbeispiel Limes

Der Chef des Limes will nicht, dass irgendwelche Daten veröffentlicht werden. Ergebnis aus einer Teamsitzung mit dem Chef sei – so berichtet er in besagtem Brief-, dass angeblich nie jemand mit uns gesprochen hat und dass das Personal unsere Umfrage-Aktion auch gar nicht gut fände. Man habe sich in der Sache sogar an den Verband der Kölner Clubs und Veranstalter (KLUBKOMM) gewandt. Offenbar hat unsere harmlose Umfrage also bereits zu einigem Wirbel inklusive angeordneter Belegschaftsversammlung geführt.

Man sieht hier, dass ein alternativer Lebensstil bzw. eine rebellische Attitüde nicht mit dem Einsatz für faire Lebens- und Arbeitsbedingungen einhergehen muss. Oder andersherum: Es ist die Frage, ob ein Dasein als Chef auf Dauer mit alternativem Lebenscredo oder rebellischer Attitüde vereinbar ist.

Mindestlohn | Hartz IV | Grundsicherung

Anlässlich der anstehenden Bundestagswahl am 22. September 2013 fordern viele Parteien einen bundesweit einheitlichen Mindestlohn. SPD und Grüne gehen mit 8,50€ ins Rennen, die Linke will 10,00€ und die Piraten 9,02€ für befristete und 9,77€ für unbefristete Arbeitsverhältnisse durchsetzen. Der DGB unterstützt einen Mindestlohn von 8,50€ – wie mit die ihm verfilzte SPD.

Einen Haken hat allerdings dieser Stundenlohn von 8,50€: Bei einer Vollzeitstelle mit 8,50€ entspricht das Einkommen ziemlich genau dem, was man als Hartz IV-Empfänger bekommen würde. Hierzu gibt es im Internet genügend Berechnungen, die dies belegen. Angesichts der Lebensbedingungen der Hartz IV-Bezieher also kein Lohn der einem die angemessene Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Geschweige denn in einer Stadt wie Köln ausreicht, um bei der Wahl der Wohnung uneingeschränkt zu sein und das Nachtleben genießen zu können.

Wie Gregor Gysi von der Partei die Linke richtig errechnete, muss ein Arbeiter (eine Arbeiterin) in Deutschland heute für mindestens 10 Euro die Stunde 45 Jahre lang Vollzeit (also 40 Stunden) arbeiten, um am Ende der Plackerei eine Rente zu erhalten, die über der derzeit gültigen Grundsicherung liegt. (siehe: http://zdfcheck.zdf.de/faktencheck/gysi/ ) So gesehen ist die Mindestlohn-Forderung seiner Partei von 10 Euro eigentlich auch noch zu niedrig. Denn die derzeitige Grundsicherung müsste doch wohl angehoben werden. Sie liegt seit dem 1. Janaur 2013 bei einem monatliche Regelsatz 382 € für Alleinstehende plus Leistungen für Unterkunft und Heizung.

Und wer würde es wohl durchhalten 45 Jahre in der Kneipe oder anderen Niedriglohnklitschen zu schuften?

Schizophrenie der DGB-Gewerkschaften

Bemerkenswert bzw. zynisch ist es in diesem Zusammenhang, dass die DGB-Gewerkschaft Nahrung Gaststätten Genuss (NGG) mit dem Unternehmerveband Dehoga Tarifverträge abschließt, die 7,50 € Einstiegslohn beinhalten. Gleichzeitig fordert die NGG auf ihrer Website unter dem Banner ihres Dachverbands DGB 8,50 Mindestlohn. Das verstehe wer will.

Powered by Hartz IV?

Wie sind die Niedriglohn-Verhältnisse in Kölner Punkrock-Kneipen erklärbar? Einen Schlüssel zur Erklärung liefert eine Meldung in der Süddeutschen Zeitung vom 19. Juli 2013 unter dem Titel: „Gerade einmal sechs Euro – Wer arbeitet und Hartz IV bezieht, wird besonders schlecht bezahlt“. Die Meldung bezieht sich auf eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung aus Nürnberg (wird von der Bundesagentur für Arbeit betrieben). Danach würden Hartz IV-Aufstocker im Durchschnitt 6,20 kassieren (5,20 in Ostdeutschland, 6,80 in Westdeutschland). Dagegen liegt der durchschnittliche Stundenlohn für abhängig Beschäftigte, die nicht auf Hartz angewiesen sind bei 16,76 im Westen und 13,54 im Osten. Laut besagter Studie gibt es in Deutschland 1,3 Millionen Menschen, die Lohn mit Hartz IV aufstocken. Hinzu kommen vermutlich mindestens genauso viele, die Hartz IV mit Schwarzarbeit aufstocken (letztere Erkenntnis liegt aber außerhalb des Erfahrungshorizonts des IAB).

Im Kneipenbereich kommen außerdem Studis hinzu, die durch Bafög oder Papi und Mami subventioniert werden.

Mindestanforderungen

Wir denken, dass folgende Forderungen für Kölner Kneipen nicht unrealistisch sind. Sie müssten umsetzbar sein, ohne dass die rote Fahne des Aufruhrs gehisst und die Chefs enteignet werden:

  • 9,50 Euro Stundenlohn
  • gleiche Bezahlung für alle
  • Trinkgeld auf alle (um-)verteilen.
  • gerechte Schichteinteilung, (keine Privilegien bei der Schichtvergabe).
  • Krankenversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bezahlten Urlaub
  • demokratische Mitbestimmung
  • Transparenz der Umsatzzahlen

Das interessante ist, dass manche dieser Forderungen eigentlich im Gesetz stehen, also in Deutschland geltendes Recht sind. Etwa Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bezahlter Urlaub.

Links / Material

Der Szene-Kneipen-Lohnspiegel der IWW Köln hier als pdf

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6 Kommentare

  1. Hat es einen speziellen Grund weshalb mein Kommentar in dem ich darauf verweise das die von der NGG geschlossenen Tarifverträge im Gastgewerbe nicht 7.50 Euro sondern 8.50 Euro als unterste Lohngruppe festgelegt haben hier nicht mehr existiert? Ist ja für die Leute in den Kneipen usw. schon wichtig zu wissen auf was schon Anspruch besteht.

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